Während ich dies schreibe, wird draußen gestorben.

Es ist ein typischer Samstag Morgen. Ich werde sehr früh, gegen 5:30 Uhr wach, denn meine innere Uhr, die vollends auf den alltäglichen Arbeitsrhythmus eingerichtet ist, läßt sich am Wochenende nicht einfach umstellen, so dass ich dann auch mal bis 8 oder 9 Uhr schlafen könnte. Mittlerweile, es ist inzwischen nach 8 Uhr, habe ich mir 1-2 Kaffee gemacht und vertreibe mir seitdem die Zeit, überwiegend mit Surfen und Recherchen im I-Net zu Dingen, die im wesentlichen völlig unbedeutend sind. Gemeint sind irgendwelche materiellen Objekte, die einen beschäftigen, weil man darauf fixiert ist und weil es die einzige Beschäftigung des Geistes ist, die augenscheinlich ‚Sinn macht‘. Denn mein Geist hat durch Gesellschaft, Kultur und durch das System gelernt, dass das einzige, was Bestand hat, eben materieller Struktur ist. Das kann man anfassen und somit be’greifen‘, verstehen, zuordnen, definieren usw.. Gewissermaßen die einzige verbliebene Antwort des modernen Menschen auf die Fragen dieser Welt.

Immer wieder zwischendurch habe ich von draussen ein lautes Knallen gehört. In diesem Moment gerade auch. Zwei Mal knallen. Bei den ersten Knallgeräuschen, ca. vor 1-2 Stunden, war ich noch gedanklich ziemlich naiv unterwegs und dachte insgeheim, es könnten irgendwelche Kids sein, die vielleicht alte Böller, die von Sylvester überig waren, anzünden. Doch das Knallen ging weiter, bis zuletzt eben gerade.

Natürlich sind es keine Kids. Es sind Jäger, die Wild erlegen.
Es handelt sich dabei um eine Perversität unserer Zivilisation und ist stellvertretend für unser Unverständnis und unsere Arroganz der Natur und somit unseren Mitgeschöpfen gegenüber. Es bedeutet auch, dass wir unserer Verantwortung, die wir unzweifelhaft durch die Entwicklung unserer Technik und die damit einhergehende Macht, sowohl nicht würdig sind, als auch nicht in der Lage sind, diese in angemessener Weise zu übernehmen, geschweige denn zu verstehen oder gar sinnvoll umzusetzen.
Symtombehandlung. Wie bei fast allen Aspekten unserer Entscheidungen und den Handlungen, die daraus resultieren, haben wir es hier mit der allseits präsenten Symptombehandlung und somit dem Fokus auf die Oberflächlichkeit zu tun. Ob Krankheiten oder Beschwerden, der Medizin oder Umweltzerstörung und zahlreichen anderen Themen. Wir haben uns auf die Symptombehandlung beschränkt. Ist es das ‚Wie?‘ und nicht das ‚Warum‘? Vielleicht, weil wir schlicht unfähig sind, die Ursachen zu ermitteln oder zu erkennen. Vielleicht, weil wir zu bequem sind, die Ursachen zu beheben. Vielleicht, weil wir zu gierig und geizig sind, die Ursachen zu beheben. Denn, um die Ursache in diesem Zusammenhang zu beheben, würde es eine Menge Geld kosten. Oder vielleicht, weil wir einfach zu dumm sind, die Ursachen festzustellen, geschweige denn entsprechende nachhaltige Lösungen zu formulieren und umzusetzen?
Es wird eine Menge Gründe haben, weshalb wir die Ursachen nicht angehen oder erkennen (können). Fakt ist, dass wir es nicht tun. Und das ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch geistig ein Armutszeugnis. Es zeugt von unserem armseligen und dürftigen Gesamtverständnis der Dinge in dieser Welt.
Ich habe das Gefühl, dass dieser Beitrag insgesamt länger werden könnte. Daher kann ich auch etwas ausholen und von meiner ersten, etwas tiefer gehenden Erfahrung im Zusammenhang mit der Jagd und einem Jäger berichten. Es ist nicht schön, doch es hat mein Verständnis und meine tiefgründige Abscheu gegenüber allem, was mit der Jagd und vorallem Jägern zu tun hat, maßgeblich geprägt bzw. hervorgebracht.
Ich lernte einen Jäger bei der Arbeit im Handwerk kennen. Es gab dort einen Kollegen, der ‚in seiner Freizeit‘ Jäger war. Allein die Verbindung ‚Freizeit‘ und ‚Jäger‘ kann unter Umständen bereits einen Widerspruch, Argwohn und Zweifel hervorrufen.
Eine gewisse Zeit musste ich mit diesem Kollegen zusammen arbeiten und in Folge dessen kamen wir natürlich auch ins Gespräch, wobei er mir von seinem ‚Hobby‘ berichtete. Er berichtete mir eben, dass er ‚in seiner Freizeit‘ Jäger sei und zusammen mit ein paar anderen ‚Hobby-Jägern‘ (Freunden/Kumpel/Kumpane) ein Waldstück gepachtet habe.
Da diese Erfahrung bereits min. 18 Jahre her ist, weiß ich nicht mehr genau, welchen Zeitraum er angegeben hatte, für den Intervall, in dem er und seine ‚Hobby-Jäger‘ in dieses Waldstück einkehrten, ‚um den Bestand zu regulieren‘. Angesichts dieser Aussagen, stellt sich mir die Frage, welche Art Motivation dahinter steckt, ein Waldstück zu pachten, um darin anschließend jagen zu gehen? Liegt der Schwerpunkt dieser Motivation vielleicht oder gar in der Handlung als solches, also dem Töten von Tieren? Mein Gedanke oder meine Vermutung wurde durch seine nächste Geschichte gestützt. Was jetzt folgt, hat mich stark in der Einsicht geprägt, dass es diesen Trieb in uns Menschen gibt. Einerseits nährt sich dieser Trieb aus dem Ur-Drang zu töten und sogar Lust dabei zu empfinden. Andererseits aus dem Unvermögen, über die eigene beschränkte Welt hinaus zu denken bzw. sich empathisch und reflektiv innerhalb dieser Welt zu bewegen, sie mit Verständnis und Gefühl zu erfassen und zu verstehen.
Er lebte wohl eher ländlich, in einem Haus mit Hof.
Er berichtete, dass sich eines Tages eine Katze auf seinem Hof einfand und sich anschickte, sich dort niederzulassen. Er sagte, er möge Katzen zwar nicht, aber da seine Tochter, sie mag ca. 10 Jahre alt gewesen sein, sich über die Katze gefreut habe, habe er die Katze gewähren lassen. Etwas später dann, ich werde niemals diesen eiskalten, gefühlstoten Tonfall vergessen, mit der er das nachfolgende beschrieb, habe diese Katze ‚doch tatsächlich Junge bekommen‘. Es schien ihm völlig unverständlich und der Tonfall ließ keinen Zweifel offen, dass er die Niederkunft der Katze mit völliger Bestürzung, Unverständnis, ja, fast schon als Beleidigung, Provokation oder als Herausforderung an seine Lust zu töten aufgefasst hatte. Es war für mich, der sich diese, in ihrer Art der Darbietung offensichtlich eiskalten, widerwärtigen Ausführung anhören musste, eine Qual und es beschäftigt mich bis heute, wie ein Mensch ohne Gefühl und Empathie sein kann.
Seine Tochter habe die kleinen Kätzchen, die diese Katze ‚gewagt hatte‘, auf seinem Hof zur Welt zu bringen, schnell lieb gewonnen. Das alles gefiel ihm überhaupt nicht. O-Ton: ‚Da kommt die doch mit einer Hand voll Junge um die Ecke!!‘. Es war klar, er hatte nur ein Ziel: Dieses Kätzchen los zu werden, so schnell wie möglich und koste es, was es wolle. Ich habe bis heute, also nach min. 18 Jahren, nicht verstanden, weshalb dieser Mann derart tickte. Und ich bin mir nicht sicher, ob er es selbst wusste…
Eines Abends habe er dann ‚allen Kätzchen den Hals umgedreht‘, wie er mir mit dieser gnadenlosen Art berichtete. Und auch dabei, war in seiner Stimme, seinem Verhalten, im Zuge seines ‚Berichtes‘ und seiner Auffassung dieser Ereignisse gegenüber keine auch noch so winzige Spur eines Zweifels, der Reue, des Mitgefühls oder sonstwie in irgendeiner Form emotionale Berührung zu vermerken.
Es war für mich, der zumindest versucht, emotional und empathisch zu handeln und zu verstehen, ein absolutes Gräuel. Es war nicht nur kaum, sondern nicht auszuhalten. Es beschäftigt mich bis heute. Aber seine Geschichte geht doch noch etwas weiter. Denn er berichtete, dass seine Tochter am kommenden Tag und in der folgenden Zeit völlig aufgelöst und traurig gewesen sei, weil die Kätzchen bzw. die Katzen nicht mehr da waren. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich meine, er hatte der Katze, also der Mutter, ebenfalls den Hals umgedreht. Ach, apropos, er beschrieb auch noch, wie das geht und dass man ‚es so mache‘. Doch das schlimmste war die Art, wie er das beschrieb. Aber darüber, wie ich es empfunden habe, habe ich ja bereits etliche Zeilen verfasst.
Also, wenn man das zusammenfasst. Der Mann lebt mit seiner Familie auf einem Hof. Dort findet sich eine Katze ein, die wenig später Junge zur Welt bringt. Seine Tochter ist völlig begeistert und liebt diese Tiere. Er dreht allen den Hals um (und bricht womöglich seiner Tochter somit das Herz).
Es ist anzunehmen, dass die Katze seinen Hof aufgesucht hat, weil(!) sie trächtig war und vielleicht einen sicheren Ort suchte, um die Junge zur Welt zu bringen. Kann sein, muss aber nicht. Aber abwegig ist der Gedanke nicht. Und dieser Mann hat, obgleich seine Tochter diese Tiere liebt, nicht besseres zu tun, als diesen Tieren, die Zuflucht und Schutz bzw. Sicherheit gesucht haben, den Hals umzudrehen. Wer da an das Gleichnis von Bethlehem denkt, geht wohl, zumindest tendenziell in die richtige Richtung.
Nachdem er mir das erzählte und es mich innerlich anwiderte, horchte ich in mich. Es war für mich ganz klar, dass dieser Mann ein eiskalter Killer war.
Wo liegt die Grenze, ob ich Tiere mit Null Empathie (Null wie 0 oder Nada oder nothing oder Vakuum) behandle und töte oder auch gleich einen Menschen? Sie glauben das nicht? Sie denken, auch bei solchen Menschen gibt es noch diese Artgrenze in dem Sinne, dass doch zumindest diese Schwelle zwischen Mensch und Tier gesetzt wird?
Dann berichte ich mal weiter. Wenig später, ich hatte ein paar Tage oder Wochen mit ihm gearbeitet, ging der folgende Fall durch die Presse. Man habe einen Triebtäter gefasst oder gesucht, der Mädchen sexuell mißbraucht haben soll.
Mein ‚Kollege‘ sagte daraufhin, dass wenn jemand seine Tochter anfassen würde, würde er diesen Typen auf seine Weise erledigen.
Es war wiederum kein Zweifel in seiner Stimme zu vernehmen. Dieser Mann war ganz eindeutig ein Killer ohne Emotion und Gnade. Es wunderte mich, dass er bis dato noch nicht im Knast war und bereits jemanden um die Ecke gebracht hatte.
Nachdem ich diese für mich unsägliche Geschichte ausgeführt habe, wird vielleicht deutlich, welche Bedenken ich der Jagd und Jägern gegenüber habe. Es ist diese Lust auf Töten, die zumindest potentiell bei allen Jägern mitschwingt. Oder zumindest der Verdacht darf erlaubt sein, dass es bei manchen dieser ‚Kollegen‘ vorhanden ist.
Wenn denn keine Lust eine Rolle spielt, bei der Tätigkeit eines Jägers, was dann? Die Pflicht? Wäre es dann erlaubt anzunehmen, dass Jäger an sich nicht gerne töten? Und wenn dem so ist, wieso habe ich noch nie die Aussage eines Jägers dahingehend gehört, dass dieser nur seine Pflicht tut und eigentlich diese Tiere nicht schießen möchte? Dass es ihm deshalb leid um diese Tiere tut und er es deshalb lieber nicht täte? Dass er Mitgefühl für diese Kreaturen empfindet?
Das habe ich so noch nie gehört. Im Gegenteil, diese Leute sind stolz auf ihre Tätigkeit und pflegen und hegen Traditionen. Keine Spur der Reue oder gar des schlechten Gewissens. Wie kann man das erklären? Vielleicht weil man es ihnen eingeredet hat, dass Tiere eben keine Menschen und deshalb ‚minderwertig sind‘? Brauchen wir deshalb diese Unterschiede? Dass der Mensch ‚etwas besseres ist‘?
Es ist klar, worauf ich hinaus will. Jedes(!) Leben ist sinnvoll und von Bedeutung. Demzufolge muss auch der Akt des Tötens dem ethischen Anspruch genügen, dass es insofern sinnvoll ist, dass es dem Leben dienlich ist, wenn denn überhaupt getötet werden muss.
Aus reiner Lust zu töten darf nicht toleriert und muss geächtet und bestraft werden.
Aus reiner Macht, Überheblichkeit oder Überfluss zu töten, darf ebenfalls nicht toleriert und muss geächtet und bestraft werden.
Aus reiner Gier und Bereicherung zu töten, darf ebenfalls nicht toleriert und muss geächtet und bestraft werden.
Aus reiner Torheit zu töten, darf ebenfalls nicht toleriert und muss geächtet und bestraft werden.
Und zwar so lange, bis das maximal ethisch denk- und vertretbare in Fleisch und Blut der menschlichen Spezies übergegangen ist.
Es ist auch klar, dass es keinen nennenswerten Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt. Es gibt keine ‚Lebewesen zweiter Klasse‘. Dies sollte selbst und gerade Materialisten und innerhalb der Naturwissenschaft klar sein. Denn rein biologisch gibt es keinen Unterschied, der in mir den Gedanken aufkommen lassen könnte, dass eine Art ‚besser oder lebenswerter‘ sei als eine andere.
Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Ja, wir sind nicht mal besser als andere Lebewesen. Kaum zu glauben, aber wahr. Und genau deshalb haben wir nicht darüber zu befinden, wer oder was getötet werden darf.
Die einzige Barriere und Gretchenfrage, die bleibt, ist die des Überlebens. Der einzige Grund, weshalb es uns ethisch vertrebar bleibt ist der, das nackte Überleben zu sichern. Insofern wäre es zum Beispiel ethisch legitim, ein Tier zu töten, wenn dadurch etwa das Verhungern abgewendet werden könnte. Doch das kann ich bei diesem Akt der Jagd in unseren Gefilden nicht feststellen. Es beruht darauf, dass wir in der Vergangenheit durch unsere Zerstörungs- und Ausbreitungswut und somit Gedankenlosigkeit den Lebensraum unserer Mitgeschöpfe dezimiert haben. Klingt einfach und ist es auch. Lösungen und Ursachen können manchmal sehr einfach sein.
Das einzige, was zählt, ist das Leben. Und zum Leben gehören wir alle. Alle Lebensformen auf diesem Planeten.
Ich sprach weiter oben von Symptombehandlung. Ja, Jäger behandeln das Symptom, dass es Wild gibt, welches deshalb reduziert werden muss, weil es keine entsprechenden Beutegreifer mehr gibt. Weshalb gibt es die nicht? Weil wir sie ausgerottet haben. Was wäre also eine geistig folgerichtige Transferarbeit, um eine angemessene und ethisch und formal logisch korrekte Lösung für alle Lebensformen zu finden? Etwa, weil wir deren Lebensraum vernichtet haben, die überschüssigen Lebewesen regelmäßig abzumetzeln ODER Lebensräume zu schaffen und wieder herzustellen? Entscheiden Sie selbst.


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