Menschen, die sich zu einem hohen Grad über andere definieren.

Eigentlich kann ich nicht so recht sagen, wieso ich derartige psychologische Themen stets immer wieder aufgreife. Denn im Grunde hege ich kein Interesse für die Psychologie als solches. Deshalb muss ich annehmen, dass es mich überwiegend aus meinem Interesse heraus beschäftigt, was es mit unserer Welt auf sich hat. Da ich nun in der Welt der Menschen beheimatet bin, und im Grunde den ganzen Tag deswegen mit Menschen zu tun habe, muss ich mich anscheinend deswegen damit beschäftigen.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, weshalb Menschen (also, auch ich) so sind, wie sie sind. Und weshalb deshalb ‚unsere Welt‘, deren exakte und vollumfängliche Definition noch ausstehen muss, so ist, wie sie ist. Oder zumindest, wie sie (uns) erscheint.
Im Zusammenhang mit der gedanklichen Beschäftigung zum Thema ‚Corona‘ hatte ich mich damit beschäftigt, weshalb die Presse im weiteren Verlauf der Entwicklung der Pandemie in Deutschland, immer wieder Schlagzeilen produziert, in denen das Thema Urlaub behandelt wird. Wer die Presse und deren Motivationen kennt, wird sich bereits denken können, welcher Art diese Artikel waren. Wie es nämlich immer so ist, waren diese Themen derart gewählt und ausgearbeitet, dass sie stets das Negative hervorhoben. Also, derart, dass es beispielsweise ein Grauen ist, dass man nicht in den Urlaub fahren kann oder ‚darf‘. Oder, dass man nicht dorthin reisen kann oder darf, wohin es einem gelüstet. Manchmal wurde dies mit einer hintergründigen Kritik formuliert, als werde dies ‚von den Oberen‘ oder Entscheidungsträgern gar ‚verboten‘. Doch ich möchte die Darstellungen und Ausführungen diesbezüglich hiermit abkürzen.
Ich bin, zumindest ansatzweise, auf dieses Phänomen in meinem Artikel ‚Corona und die Deutschen: Sind wir bornierte Urlaubsaffen?‘ eingegangen.
Dieses Phänomen nun beobachtend, hatte ich mich gefragt, weshalb der Aspekt oder die Motivation ‚in den Urlaub fahren‘ bei derart vielen Menschen dermaßen ausgeprägt bzw. beherrschend ist? Ich konnte beobachten, dass es Menschen gibt, die sich augenscheinlich tatsächlich so verhalten, wie es in der Presse, zwar etwas überspitzter und stereotypischer dort dargelegt, beschrieben wird. Nun mag es diverse offensichtliche Gründe geben. Sagen wir, dass der Alltag zu trist, öde oder facettenlos ist, um es milde zu formulieren, dass der Urlaub als eine Art Ventil fungiert. Ich kürze auch dies ab, um zu meinem eigentlichen Anliegen dieses Artikels zu gelangen.
Mir ist dann der Gedanken oder die Idee gekommen, dass es auch sein kann, dass es viele Menschen gibt, die sich zu einem sehr hohen Grad über andere definieren. Und dies ist ein grundlegender Aspekt der menschlichen Existenz, denn davon frei machen kann sich wohl niemand bzw. ist in letzter Konsequenz ohne dem kaum eine Entwicklung oder Definition des Selbst möglich. Es scheint jedoch eine Frage des Grades dessen zu sein, in welchem Umfang ich mich über andere definiere.
Ich halte es für möglich, dass es viele Menschen gibt, die sich zu einem derart hohen Grad über anderen Menschen definieren, dass es mir schwer verständlich erscheint. Um beim Thema Urlaub zu bleiben, so machen viele Menschen wohl zu einem bestimmten Maß Urlaub, um anderen etwas darüber erzählen zu können. Auch vielleicht, um ‚als jemand zu gelten‘. Vielleicht auch, weil ‚man es geschafft hat‘, wenn man mindestens ein Mal im Jahr im Urlaub war. Mittlerweile ist es ja bald so, dass einmalig im Jahr in den Urlaub zu fahren bereits als ordinär gilt. Denn ich habe sehr oft schon gehört, dass viele Menschen mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren. Man darf dann auch nicht vergessen, dass man dann, also, wenn man im Urlaub war, auch etwas zu erzählen und zu berichten hat. Dieses kann man dann mitteilen. Viele dieser Menschen definieren sich dann wohl auch über die Reaktionen der Gesprächspartner und reflektieren darüber. Nach dem Motto: ‚Ich sehe, wie der andere reagiert, was er/sie sagt usw. und kann daraus schließen, ob mein Urlaub richtig, toll, erfolgreich, erholsam usw. usf. war‘. Zwar klingt diese Erkenntnis banal, aber anscheinend ist es das für mich nicht.
Was gibt es dazu zu sagen? Zunächst fällt mir auf, dass ich es als ein eklatantes Defizit wahrnehme, dass anscheinend ein eigenes Urteilsvermögen und Gewissheit durch die eigene Gewichtung des Handelns und Entscheidens fehlt. Es ist wohl ein Unterschied, in welchem Umfang oder Ausmaß ich die Reaktionen der Gesprächspartner gewichte oder benötige, um die Bedeutung meines eigenen Urlaubes einzuschätzen. Es mag Menschen geben, die zu einem eher ungesunden oder drastisch erhöhtem Maß davon abhängig sind. Vielleicht, weil es ihnen an eigenem Urteilsvermögen mangelt. Vielleicht, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Vorstellungen oder gar sich selbst kaum kennen? Ja, ich hatte mir gedacht, dass es sogar Menschen geben mag, die ihr eigenes Selbst von anderen abhängig machen bzw. dies definieren und fast garnicht selbst einschätzen können, was gut und richtig für sie und vorallem für andere ist?

Ich bin dann auch fündig geworden, da ich gerne die Kommentare bei youtube lese und dort auch mitunter schreibe. Es war garnicht so schwer, solche Argumentationsstrukturen zu finden, die zudem interessant sind.
Es handelt sich um ein drastisches und markantes Beispiel und gerade deshalb macht es deutlich, wie derartig strukturierte Menschen unterwegs sind. Es macht gleichsam deutlich, wie verbreitet das Phänomen ist, dass es Menschen gibt, die sich zu einem sehr hohen Grad einzig durch andere definieren und sich deshalb augenscheinlich selbst kaum kennen dürften.
Ich hatte einen sehr interessanten Kanal entdeckt, der sich mit den Kriegsverbrecherprozessen in den sechziger Jahren in Deutschland beschäftigt und dazu die original Tonbandaufnahmen in Form von Videos dort listet. An sich also bereits ein sehr schwieriges, grausames aber auch interessantes Thema.
Dort bin ich auf solch einen markanten Kommentar gestoßen, der sich direkt auf die Gräueltaten zu jener Zeit bezieht: ‚Andere Nationen haben das selbe getan‘.
Nun klingt dies zunächst nach einer einfachen Milchmädchen-Logik. Doch der Aspekt, den ich oben ausgearbeitet habe, wird hier wieder deutlich. Denn, die dahinter liegende Gedankenwelt, die Definition des Individuums, des Selbst des Autors bezieht sich dabei direkt darauf, dass die Gräueltaten relativiert bzw. mit Gräueltaten anderer verglichen werden. Die zur Diskussion stehenden Gräueltaten erhalten dadurch eine Rechtfertigung oder eine Daseins-Berechtigung. Denn wenn es andere tun, kann es ja prinzipiell auch durch das Selbst getan werden. Ich vergleiche damit, was andere tun, um ein (oder gar mein) Handeln als richtig oder falsch einschätzen zu können. Wichtig ist hierbei wohl, dass die Handlungen selbst als solches nicht mehr angezweifelt werden, weil es eben auch durch andere getan wird.
Eine moralische Gewichtung der Handlung als solches scheint somit vom Selbst nicht mehr stattzufinden oder aufgehoben zu sein.
Als ein absurdes Beispiel könnte also demnach gelten, dass es legitim oder gar richtig erscheint, die Wände der Wohnung mit Kot zu beschmieren, weil es eben Menschen, vielleicht in geschlossenen Anstalten, gibt, die dies auch tun. Hierbei wäre sogar die moralische Bedeutsamkeit einer derartigen Handlung geringer einzuschätzen, als es die Gräueltaten waren, die durch das Wirken des nationalsozialistischen Regimes bzw. der Ideologie ausgeführt wurden. Und somit scheint, nach dieser Logik, die Legitimation der Handlung ‚Wände mit Kot beschmieren‘ noch sehr viel mehr gegeben zu sein, als das Massakrieren von Menschen. Und somit ist diese Handlung eher legitim, richtig und und fast schon als normal einzustufen?
Wenn man dies in letzter Konsequenz verfolgt, könnte man annehmen, dass derartige Menschen kaum ein Vermögen besitzen, um das eigene Handeln einschätzen oder moralisch gewichten zu können. Weil es andere tun, kann man es prinzipiell auch tun. Bei diesem Beispiel, welchem man häufig begegnet, wird aber noch etwas anderes deutlich, denn es fehlt anscheinend sogar an prinzipiellem Rechts- oder Unrechtsverständnis und das auch wohl noch zudem, was die Moral und Ethik angeht.
Es mag sein, dass meine Beobachtung nicht besonders erscheint und bekannt ist. Ich finde jedoch, dass sich darüber sehr viele Entscheidungen und Handlungen erklären lassen, die Menschen ausführen. Denken wir an das dritte Reiche, wird dadurch sogar das Mitläufertum vieler Menschen der damaligen Zeit in unserem Land völlig logisch erklärbar. Und noch viele andere Dinge, wie etwa die Ausgrenzung von Minoritäten. Sehr viele Menschen werden allein deshalb entweder nichts dagegen unternommen haben, oder gar mitgeholfen haben, weil sie nach der o.g. Milchmädchen-Logik verfahren sind und ihr eigenes Selbst über andere definiert haben, inkl. der Aufhebung einer moralischen Selbsteinschätzung bzw. Gewichtigung. Wenn also der jüdische Nachbar getreten und abtransportiert wird, muss es wohl legitim und richtig gewesen sein, weil die anderen es auch machen.
Weil ich diese Logik und Ursache von menschlichen Entscheidungs- und Handlungsweisen als sehr ausschlaggebend für zahlreiche Reaktionen und Handlungen der Menschen erachte, werde ich meine Liste der Grundmotivationen der Menschen in meinem Beitrag ‚Irrational denkende und handelnde Wesen leben in einer rationalen Welt‚ ergänzen müssen.

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