Corona und die Deutschen: Sind wir bornierte Urlaubsaffen?

Es ist jetzt ca. 2-3 Wochen her, da schrie eine auflagenstarke Tageszeitung das heraus, was viele Deutsche angeblich dermaßen wurmt, dass es, laut der Redaktion dieser Zeitung, scheinbar nicht mehr auszuhalten ist: Wir Deutsche werden wegen der Corona-Maßnahmen um unseren Urlaub gebracht!

Erst mussten wir auf das Reisen über Weihnachten verzichten, dann auf die Urlaubsreise zu Ostern und nun sei auch noch der Sommerurlaub stark gefährdet. Das geht natürlich garnicht!

Wenn ich solche Schlagzeilen lese, frage ich mich, in welchem Land ich lebe, bzw. welche Motivationen bei meinen Mitmenschen wohl vorherrschen? Dann steht natürlich die Frage im Raum, ob das, was dort steht, auch der Realität entspricht? Denn das würde ja bedeuten, dass viele meiner Mitmenschen eine Art ‚bornierte Urlaubssüchtige‘ wären, deren einziges oder wichtigstes Ziel es sei, in den Urlaub zu reisen. Denn in der Art wird es ja in dieser Zeitung dargestellt.
Dann fragt man sich, wie die Redakteure dieser Zeitung eigentlich darauf kommen, einerseits diese Schlagzeile zu formulieren bzw. sich einfallen zu lassen? Und andererseits, könnte diese Darstellung der Belange, Bestrebungen, Motivationen und Interessen tatsächlich dem entsprechen, was die Leser dieser Zeitung umtreibt? Oder ist es bloß das Bild, dass die Redaktion dieser Zeitung von ihren Lesern hat?
Kann ich als Leser dieser Zeitung eigentlich dieses Bild unterstützen? Dass ich also ein bornierter Urlaubssüchtiger bin, dem fast nichts wichtiger ist, als in den Urlaub, möglichst weit weg, zu reisen?
Aber wie komme ich eigentlich darauf anzunehmen, dass es borniert sei, ständig mit dem Gedanken zu spielen, in den Urlaub reisen zu müssen?

Mir kommen dabei immer meine Großeltern in den Sinn. Sie haben das Reisen auch geliebt, doch verhielt sich dies in einem ausgewogenen Rahmen. Meine Großeltern waren einfache Leute. Sie waren in einfachen Berufen tätig, Handwerk oder Industrie. Es wurde nur alle paar Jahre Urlaub gemacht und dann sind sie maximal nach Österreich gefahren. Mit dem Zug, versteht sich. Ein Auto war oder wäre erst nach (sehr) vielen Jahren des Sparens drin gewesen und eine solch weite Strecke mit dem Auto zurück zu legen, wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen. Man hätte wohl die meiste Zeit im Auto verbracht. Damals war das Fliegen auch viel teurer als heute. Zudem hegte man Vorbehalte wegen der Sicherheit.
Um es zusammen zu fassen, auch, wenn meine Großeltern so gut wie nie ins Ausland gereist sind, so waren sie doch zufrieden, was das Stillen dieses ‚Bedürfnisses‘ angeht. Wenn etwas seltener vorkommt, wird es eben nicht zur Gewohnheit und man weiß es besser zu schätzen. Die Wertschätzung ist eine ganz andere, als wenn man es bloß konsumiert, weil es eben da ist, günstig ist und quasi ein wie Wegwerfartikel. Es wird dann seiner selbst Willen gemacht, und nicht etwa, weil es etwas besonderes ist.

Wie ist es heute? Rund um das Reisen ist eine riesige Industrie entstanden, die jeden Deppen dort hin bringt, wo er eben hin möchte. Reisen ist quasi schon mehr als nur ein Konsumartikel. Manchen Artgenossen zufolge, fehlt eigentlich nur noch ein Schritt dahin, dass es quasi als Grundrecht in das BGB aufgenommen wird. Es wird schon als Eingriff in ein imaginäres Grundrecht betrachtet, wenn man nicht jederzeit überall hin reisen kann.
Reisen wird konsumiert. Unreflektiert und uneingeschränkt. Dabei ist es manchen Menschen völlig egal, welche Folgen das Reisen oder der Tourismus hat. Hauptsache man kann fliegen und basta. Es wird eben seiner selbst Willen gemacht. Es ist eben eine Frage des Bewußtseins und damit ist es bei vielen Menschen eben nicht sonderlich weit her.
Fragt man nach oder äußert man sein Unverständnis ob dieser seltsamen Entwicklung, bekommt man gesagt, dass man dafür Verständnis haben müsse, denn vielen Menschen ist der Alltag derart trist, dass ein Urlaub, beispielsweise auf Mallorca, einer der wenigen Lichtblicke im Jahr ist.
Dazu muss man sagen, dass, wenn die Ursache der triste Alltag ist, wieso die Menschen dann nicht diese Ursache angehen, anstatt als Ventil einen Urlaub zu machen? Wenn man derart frustriert ist wegen der eigenen Lage, wieso wird man nicht kreativ und sucht sich Methoden, um den langweiligen und tristen Alltag zu verbessern? Kann ein Urlaub wirklich das übrige verzweifelte und bedauernswerte Leben retten bzw. verbessern? Und wenn schon das eigene Zuhause derart langweilig, öde und trist ist, wieso gestaltet man es nicht mit dem Geld, welches ich spare, wenn ich nicht in den Urlaub fahre, neu, bunter und abwechslungsreicher?
Mir ist das alles zu hoch und es kommt mir vor, dass diese ganze Entwicklung nicht angemessen und peinlich ist. Ich komme mir vor, als lebe ich nicht ‚im Land der Dichter und Denker‘, sondern eher im Land der hirntoten Konsumtiere, denen als letztes verbliebenes Mittel der persönlichen Ausdruckweise und des Aufbegehrens das Verhalten eines bornierten Urlaubsaffen bleibt.
Aber vielleicht sind viele Menschen ja garnicht so, wie in dieser Zeitung dargestellt? Ich habe da so meine Zweifel…

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